Fotografische Inszenierungen
von Anne-Cathérine Becker-Échivard

"Les Temps Modernes" - "Modern Times"
Text Axel Schenck, Bucher Verlag, München

Anne-Cathérine Becker-Échivard (acbe) wurde 1971 in Paris geboren. Aufgewachsen ist sie in Berlin, wo sie zunächst an der Humboldt-Universität studierte. 1996 zog sie nach Paris, um sich ganz auf die Fotografie zu konzentrieren. Seitdem wächst ihr fotografisches Werk mit zunehmendem internationalen Erfolg. Seit 2009 lebt und arbeitet sie wieder in Berlin.

In den fotografischen Bildern von ACBE tut sich vor dem erstaunten Betrachter ein ganzer Kosmos auf, der alle Züge dieser Welt trägt und doch ganz fremd ist. Vieles wirkt bekannt, aber führt in die Irre, wenn man es als Teile, als Versatzstücke unseres täglichen Lebens identifizieren wollte. Merkwürdige anthropomorphe Wesen bevölkern diese Szenen und eigentlich tun sie nichts Besonderes: Sie demonstrieren, arbeiten gemein-sam an einem fließbandartigen Tisch, sie diskutieren in einem Salon und tragen Kleidung wie du und ich. Aber trotz ihrer offensichtlich menschlichen Verhaltensweisen, trotz ihrer großen Augen, fehlt ihnen jede kreatürliche Wärme - wer also sind sie? Und was treiben sie in unserer Welt?

Natürlich wird es bei genauerem Hinsehen klar: In dieser plakativ bunten, surreal anmutenden Welt, die unserer so irritierend ähnlich sieht, agieren Fische, die allerdings dem Wasser, ihrem eigentlichen Element, entfremdet sind. „Fische auf dem Trocknen“, könnte man sagen, ein geradezu schockierendes Bild für die Menschen unserer coolen, normierten, an fastfood-gewöhnten Zeit, in der jede Individualisierung zu einem gesellschaftlichen Kraftakt wird.

„Les temps modernes“ sieht die Künstlerin in ihren Bildern, eine Welt mit burlesken Zügen, die sie mit großer Lust am Zitieren gestaltet. Assoziationen öffnen diese Szenen, ohne sie zu banalisieren. Wie in Chaplins Modern times ist das Fließband ein Taktgeber für maschinelle Arbeitsvorgänge, hinter denen ein bedrohliches Räderwerk lauert. Und nicht zu Unrecht vermutet man im Blick auf die modernen Zeiten die Anspielung auf die von Sartre 1945 gegründete Zeitschrift gleichen Namens (Les Temps modernes), dem zeitweise bedeutendsten Forum für die Philosophie des Existenzialismus.

Zitate bekannter Bilder wie „La lecon d`anatomie 2003“ (nach Rembrandts Anatomie von 1632) muten an der Oberfläche anekdotisch-ironisch an, wenn die in grüne OP-Kittel geklei-deten Fische eine Miesmuschel sezieren. Aber dahinter steht die kalte Neugier, die in rotes pulsierendes Fleisch schneidet. Keine Darstellung brutaler Aggression, sondern von mechanistisch-gleichgültiger Inhumanität. Cool, würde der Kulturkritiker sagen.

Anthropomorphe Bilder blicken auf eine lange Tradition zurück. Ein großer Teil der Kinderbuch- und Comic-Figuren wie die Raupe Nimmersatt, Kermit der Frosch, Donald Duck, Micky Maus oder Tom und Jerry – alle leben von der höchst erstaun-lichen Tatsache, dass sie Tiere sind, aber wie Menschen auftreten und handeln. Die Katze richtet sich auf, kann ihre Vorderbeine wie menschliche Arme benutzen, erhält ein Schleif-chen um den Hals, eine Hose und Stiefel an – schon nimmt man ihr fast alles menschliche Tun ab. Allerdings mit dem fundamentalen Unterschied, dass sie dadurch kein Mensch wird, auch wenn sie als solcher auftritt. So wirkt ihr Handeln gleichsam sinnbildhaft, erzählerisch. Und so können sich die scheinbar menschlichen aber tierischen Helden in den Kinderbüchern geradezu die Zuneigung ihrer kleinen Leserschaft durch ihre Putzigkeit, ihr Niedlichsein erschleichen. Eine nicht bedrohliche, märchenhafte Welt.

Der Darstellung nach anthropomorph sind auch die Fotografien von ACBE. Aber keine verschmuste Kinderwelt rührt an unsere Sinne, ihre Satire ist intellektuell und in ihrer Konsequenz erbarmungslos. Obwohl ihre Bilder künstliche Szenen und Räume zeigen, bildet sie in geradezu altmodischer fotogra-fischer Strenge ganz konventionell Realität ab, Realität, die die Künstlerin erdacht, konstruiert und erbaut hat, eine durchaus klischeehafte Realität als Bühne für ihre oft statuarisch unbe-wegten Akteure.

Dieses skurrile Welttheater weckt auch Erinnerungen an die aufklärerische Funktion der Tierfabeln und volkstümlichen Märchen, wo die Protagonisten in hintersinnig-tückischer Weise der Gesellschaft ihren Spiegel vorhalten. Ebenso gleichnishaft entwickelt ACBE den Kanon ihrer Bildmotive: Auf dem Foto „Laissez-nous vivre 2005“ (Lasst uns leben) fordern die Fische ein sauberes Meer, das ihnen (wie den Menschen – von den Menschen) durch Ölkatastrophen ruiniert wird. Und in „The wall 2004“ werden die Mauern dieser Welt als Gefängnismauern im Schneegestöber gezeigt: „petites haies et grands problèmes“ (kleine Haie und große Probleme) – das ist nicht nur ein ironischer Kommentar der Künstlerin zu den vor der Mauer frierenden Fischen in Gefängniskluft, sondern auch die satirische Rückspiegelung einer Gesellschaft „hinter Mauern“, bei der am Ende offen bleibt, wer wen eingesperrt und die Freiheit genommen hat.

Die Fotografin manipuliert ihre Bilder im Herstellungsprozess nicht, sondern wendet höchste Sorgfalt an die Technik und Aufnahmebedingungen, unter denen ihre Fotografien entstehen: an die Stimmigkeit der Interieurs bis ins Detail, die Komposition, das Licht, die Farbigkeit.

Der lange randparallele Tisch – eine Art „gefrorenes Fließband“ - wird von der Künstlerin immer wieder als eines der wichtigsten Gliederungselemente in ihren flachen Bühnenräumen einge-setzt. Hier nehmen die Figuren aufgereiht und frontal zum Betrachter gewendet kunststoffartige und normierte „Nahrung“ aus gepressten Portionsschalen zu sich (Happy Breakfast – 2007), produzieren vor chinesischen Schriftzeichen alptraum-artige Spielzeugfrösche (Made in China – 2006) oder
berauschen sich in einer intim ausgeleuchteten Szene aus Campbells-Suppendosen (Happy People – mit einem Haufen „Schnee“ als Dessert in der Mitte).

Diesen fabrikartig konstruierten, hygienisch kalten Räumen stehen fast antagonistisch warmtonige Interieurs zur Seite, in denen die Fische individueller gekleidet scheinen, konventionell prächtig – eine falsche Idylle im Luxus (wie: Bonne année, chérie – 1999; Fumerie d´opium – 2005), sozusagen der schöne Schein postmoderne Behäbigkeit und bourgeoiser Starre. Gleichsam die letzte Station vor Anbruch der von den Fischen dominierten „Temps modernes“.

Aber ihre Protagonisten sind „leicht verderblich“. ACBE verwendet echte Fische für die Arrangements in ihren Szenen, gibt ihnen aufrechten Halt, kleidet sie – meist in Latex – und weist ihnen im maßstäblich angemessenen Tableau ihren Platz zu. Mit dem Ende der Aufnahme ist meist auch die Grenze ihrer Haltbarkeit erreicht und nicht selten überschritten. Die fertige Fotografie ist das Abbild einer vergangenen, nicht wieder herstellbaren, einmaligen Situation. Eine „gefrorene“ Installation von hoher ästhetischer Präsenz.

Bemerkenswert ist die fotografische Brillanz dieser oft panoramahaft breiten Bilder, der visuelle Reiz ihrer verfremdeten Welt mit dem seltsamen Personal. Aber unbestreitbar wollen sie nicht nur auf ästhetischer Ebene wahrgenommen werden, diese Wesen mit ihren unbewegten Physiognomien und ihrem wortlosen Eifer, sondern im demonstrativen Rollenspiel die andere Seite der modernen Zeiten hinterfragen: Seid ihr das etwa, in unserer Verkleidung? Seid ihr diese verhüllten Torsi mit den Kopftüchern und der gleichgültigen Mechanik handelnder Puppen?

Mit großer Akribie widmet ACBE sich der Planung, dem Aufbau und der fotografischen Umsetzung ihrer guckkastenartig organisierten Szenen. Kein Gegenstand in ihren Bildern ist zufällig an seinem Platz, alles ist sinnvoll in das Ganze integriert, so dass man nach dem ersten Eindruck sich ganz diesen Bildern ausliefern muss, um sie in ihren unterschiedlichen Ebenen, ihrem Detailreichtum zu erfassen. Fragt man die Künstlerin nach ihrer eigenen Deutung dieser „verfischten“ Bilderwelt, zuckt sie die Achseln. Schneller, wohlfeiler Konsum ist ihr ein Gräuel.

Axel Schenck, August 2009

Inszenierte Fotografie: Anne-Catherine Becker-Echivard

Die Fotografin Anne-Catherine Becker-Echivard und ihre Installationen mit Speisefischen vom Großmarkt.

Dorsche, Makrelen und Meeräschen - sie arbeiten am Fließband, sie diskutieren in einem Salon, sie tragen Kleidung wie du und ich. Die Protagonisten der Fotografin Anne-Catherine Becker-Echivard sind leicht verderblich, aber zutiefst menschlich.
Die 43-jährige deutsch-französische Künstlerin inszeniert Speisefische vom Großmarkt in bizarren Panoramen des menschlichen Alltags und Wirrwarrs. Fischköpfe auf Menschenkörpern beim Quickie auf der Motorhaube, beim letzten Abendmahl, beim Absacker in der Bar.
Seit mehr als zehn Jahren erschafft Becker-Echivard eine anthropomorphe Bilderwelt aus toten Tieren. An Planung, Aufbau und Umsetzung einer einzigen ihrer guckkastenartigen Szenen arbeitet sie zum Teil monatelang. Kein Gegenstand ist zufällig an seinem Platz, jedes der einfallsreichen Details setzt die Künstlerin ganz bewusst ein.

Metropolis begleitet Anne-Catherine Becker-Echivard bei der Produktion ihrer jüngsten Bildes - ironischerweise eine Szene aus einer Sardinenfabrik. Fotografiert werden die Fische natürlich freitags, denn an diesem Tag gibt es auf dem Markt die größte Auswahl. Und wenn die Protagonisten während der Aufnahme nicht verdorben sind, landen sie hinterher im Bauch der Künstlerin und ihres Assistenten. (Quelle: arte.tv)


Fotografische Inszenierungen
von Anne-Cathérine Becker-Échivard

"Les Temps Modernes" - "Modern Times"
Text Axel Schenck, Bucher Verlag, München

Anne-Cathérine Becker-Échivard (acbe) wurde 1971 in Paris geboren. Aufgewachsen ist sie in Berlin, wo sie zunächst an der Humboldt-Universität studierte. 1996 zog sie nach Paris, um sich ganz auf die Fotografie zu konzentrieren. Seitdem wächst ihr fotografisches Werk mit zunehmendem internationalen Erfolg. Seit 2009 lebt und arbeitet sie wieder in Berlin.

In den fotografischen Bildern von ACBE tut sich vor dem erstaunten Betrachter ein ganzer Kosmos auf, der alle Züge dieser Welt trägt und doch ganz fremd ist. Vieles wirkt bekannt, aber führt in die Irre, wenn man es als Teile, als Versatzstücke unseres täglichen Lebens identifizieren wollte. Merkwürdige anthropomorphe Wesen bevölkern diese Szenen und eigentlich tun sie nichts Besonderes: Sie demonstrieren, arbeiten gemein-sam an einem fließbandartigen Tisch, sie diskutieren in einem Salon und tragen Kleidung wie du und ich. Aber trotz ihrer offensichtlich menschlichen Verhaltensweisen, trotz ihrer großen Augen, fehlt ihnen jede kreatürliche Wärme - wer also sind sie? Und was treiben sie in unserer Welt?

Natürlich wird es bei genauerem Hinsehen klar: In dieser plakativ bunten, surreal anmutenden Welt, die unserer so irritierend ähnlich sieht, agieren Fische, die allerdings dem Wasser, ihrem eigentlichen Element, entfremdet sind. „Fische auf dem Trocknen“, könnte man sagen, ein geradezu schockierendes Bild für die Menschen unserer coolen, normierten, an fastfood-gewöhnten Zeit, in der jede Individualisierung zu einem gesellschaftlichen Kraftakt wird.

„Les temps modernes“ sieht die Künstlerin in ihren Bildern, eine Welt mit burlesken Zügen, die sie mit großer Lust am Zitieren gestaltet. Assoziationen öffnen diese Szenen, ohne sie zu banalisieren. Wie in Chaplins Modern times ist das Fließband ein Taktgeber für maschinelle Arbeitsvorgänge, hinter denen ein bedrohliches Räderwerk lauert. Und nicht zu Unrecht vermutet man im Blick auf die modernen Zeiten die Anspielung auf die von Sartre 1945 gegründete Zeitschrift gleichen Namens (Les Temps modernes), dem zeitweise bedeutendsten Forum für die Philosophie des Existenzialismus.

Zitate bekannter Bilder wie „La lecon d`anatomie 2003“ (nach Rembrandts Anatomie von 1632) muten an der Oberfläche anekdotisch-ironisch an, wenn die in grüne OP-Kittel geklei-deten Fische eine Miesmuschel sezieren. Aber dahinter steht die kalte Neugier, die in rotes pulsierendes Fleisch schneidet. Keine Darstellung brutaler Aggression, sondern von mechanistisch-gleichgültiger Inhumanität. Cool, würde der Kulturkritiker sagen.

Anthropomorphe Bilder blicken auf eine lange Tradition zurück. Ein großer Teil der Kinderbuch- und Comic-Figuren wie die Raupe Nimmersatt, Kermit der Frosch, Donald Duck, Micky Maus oder Tom und Jerry – alle leben von der höchst erstaun-lichen Tatsache, dass sie Tiere sind, aber wie Menschen auftreten und handeln. Die Katze richtet sich auf, kann ihre Vorderbeine wie menschliche Arme benutzen, erhält ein Schleif-chen um den Hals, eine Hose und Stiefel an – schon nimmt man ihr fast alles menschliche Tun ab. Allerdings mit dem fundamentalen Unterschied, dass sie dadurch kein Mensch wird, auch wenn sie als solcher auftritt. So wirkt ihr Handeln gleichsam sinnbildhaft, erzählerisch. Und so können sich die scheinbar menschlichen aber tierischen Helden in den Kinderbüchern geradezu die Zuneigung ihrer kleinen Leserschaft durch ihre Putzigkeit, ihr Niedlichsein erschleichen. Eine nicht bedrohliche, märchenhafte Welt.

Der Darstellung nach anthropomorph sind auch die Fotografien von ACBE. Aber keine verschmuste Kinderwelt rührt an unsere Sinne, ihre Satire ist intellektuell und in ihrer Konsequenz erbarmungslos. Obwohl ihre Bilder künstliche Szenen und Räume zeigen, bildet sie in geradezu altmodischer fotogra-fischer Strenge ganz konventionell Realität ab, Realität, die die Künstlerin erdacht, konstruiert und erbaut hat, eine durchaus klischeehafte Realität als Bühne für ihre oft statuarisch unbe-wegten Akteure.

Dieses skurrile Welttheater weckt auch Erinnerungen an die aufklärerische Funktion der Tierfabeln und volkstümlichen Märchen, wo die Protagonisten in hintersinnig-tückischer Weise der Gesellschaft ihren Spiegel vorhalten. Ebenso gleichnishaft entwickelt ACBE den Kanon ihrer Bildmotive: Auf dem Foto „Laissez-nous vivre 2005“ (Lasst uns leben) fordern die Fische ein sauberes Meer, das ihnen (wie den Menschen – von den Menschen) durch Ölkatastrophen ruiniert wird. Und in „The wall 2004“ werden die Mauern dieser Welt als Gefängnismauern im Schneegestöber gezeigt: „petites haies et grands problèmes“ (kleine Haie und große Probleme) – das ist nicht nur ein ironischer Kommentar der Künstlerin zu den vor der Mauer frierenden Fischen in Gefängniskluft, sondern auch die satirische Rückspiegelung einer Gesellschaft „hinter Mauern“, bei der am Ende offen bleibt, wer wen eingesperrt und die Freiheit genommen hat.

Die Fotografin manipuliert ihre Bilder im Herstellungsprozess nicht, sondern wendet höchste Sorgfalt an die Technik und Aufnahmebedingungen, unter denen ihre Fotografien entstehen: an die Stimmigkeit der Interieurs bis ins Detail, die Komposition, das Licht, die Farbigkeit.

Der lange randparallele Tisch – eine Art „gefrorenes Fließband“ - wird von der Künstlerin immer wieder als eines der wichtigsten Gliederungselemente in ihren flachen Bühnenräumen einge-setzt. Hier nehmen die Figuren aufgereiht und frontal zum Betrachter gewendet kunststoffartige und normierte „Nahrung“ aus gepressten Portionsschalen zu sich (Happy Breakfast – 2007), produzieren vor chinesischen Schriftzeichen alptraum-artige Spielzeugfrösche (Made in China – 2006) oder
berauschen sich in einer intim ausgeleuchteten Szene aus Campbells-Suppendosen (Happy People – mit einem Haufen „Schnee“ als Dessert in der Mitte).

Diesen fabrikartig konstruierten, hygienisch kalten Räumen stehen fast antagonistisch warmtonige Interieurs zur Seite, in denen die Fische individueller gekleidet scheinen, konventionell prächtig – eine falsche Idylle im Luxus (wie: Bonne année, chérie – 1999; Fumerie d´opium – 2005), sozusagen der schöne Schein postmoderne Behäbigkeit und bourgeoiser Starre. Gleichsam die letzte Station vor Anbruch der von den Fischen dominierten „Temps modernes“.

Aber ihre Protagonisten sind „leicht verderblich“. ACBE verwendet echte Fische für die Arrangements in ihren Szenen, gibt ihnen aufrechten Halt, kleidet sie – meist in Latex – und weist ihnen im maßstäblich angemessenen Tableau ihren Platz zu. Mit dem Ende der Aufnahme ist meist auch die Grenze ihrer Haltbarkeit erreicht und nicht selten überschritten. Die fertige Fotografie ist das Abbild einer vergangenen, nicht wieder herstellbaren, einmaligen Situation. Eine „gefrorene“ Installation von hoher ästhetischer Präsenz.

Bemerkenswert ist die fotografische Brillanz dieser oft panoramahaft breiten Bilder, der visuelle Reiz ihrer verfremdeten Welt mit dem seltsamen Personal. Aber unbestreitbar wollen sie nicht nur auf ästhetischer Ebene wahrgenommen werden, diese Wesen mit ihren unbewegten Physiognomien und ihrem wortlosen Eifer, sondern im demonstrativen Rollenspiel die andere Seite der modernen Zeiten hinterfragen: Seid ihr das etwa, in unserer Verkleidung? Seid ihr diese verhüllten Torsi mit den Kopftüchern und der gleichgültigen Mechanik handelnder Puppen?

Mit großer Akribie widmet ACBE sich der Planung, dem Aufbau und der fotografischen Umsetzung ihrer guckkastenartig organisierten Szenen. Kein Gegenstand in ihren Bildern ist zufällig an seinem Platz, alles ist sinnvoll in das Ganze integriert, so dass man nach dem ersten Eindruck sich ganz diesen Bildern ausliefern muss, um sie in ihren unterschiedlichen Ebenen, ihrem Detailreichtum zu erfassen. Fragt man die Künstlerin nach ihrer eigenen Deutung dieser „verfischten“ Bilderwelt, zuckt sie die Achseln. Schneller, wohlfeiler Konsum ist ihr ein Gräuel.

Axel Schenck, August 2009

Inszenierte Fotografie: Anne-Catherine Becker-Echivard

Die Fotografin Anne-Catherine Becker-Echivard und ihre Installationen mit Speisefischen vom Großmarkt.

Dorsche, Makrelen und Meeräschen - sie arbeiten am Fließband, sie diskutieren in einem Salon, sie tragen Kleidung wie du und ich. Die Protagonisten der Fotografin Anne-Catherine Becker-Echivard sind leicht verderblich, aber zutiefst menschlich.
Die 43-jährige deutsch-französische Künstlerin inszeniert Speisefische vom Großmarkt in bizarren Panoramen des menschlichen Alltags und Wirrwarrs. Fischköpfe auf Menschenkörpern beim Quickie auf der Motorhaube, beim letzten Abendmahl, beim Absacker in der Bar.
Seit mehr als zehn Jahren erschafft Becker-Echivard eine anthropomorphe Bilderwelt aus toten Tieren. An Planung, Aufbau und Umsetzung einer einzigen ihrer guckkastenartigen Szenen arbeitet sie zum Teil monatelang. Kein Gegenstand ist zufällig an seinem Platz, jedes der einfallsreichen Details setzt die Künstlerin ganz bewusst ein.

Metropolis begleitet Anne-Catherine Becker-Echivard bei der Produktion ihrer jüngsten Bildes - ironischerweise eine Szene aus einer Sardinenfabrik. Fotografiert werden die Fische natürlich freitags, denn an diesem Tag gibt es auf dem Markt die größte Auswahl. Und wenn die Protagonisten während der Aufnahme nicht verdorben sind, landen sie hinterher im Bauch der Künstlerin und ihres Assistenten. (Quelle: arte.tv)